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KREFELD

Beim Frühstück werden Fremde zu Freunden
Jeden vierten Sonntag im Monat treffen sich Singles und andere Kontaktfreudige zum Frühstücken und reden sofort über Freude und Frust im Alltag.
Krefeld. "Gehören Sie auch dazu?" Suchend schweift Ralfs Blick über den kleinen, runden Tisch. Als ob sich die anderen Teilnehmer zwischen Blumendeko und Aschenbecher versteckt hielten. "Ja, hallo, ich heiße Nicole", bekommt er promt eine fröhliche Antwort.

Es ist elf Uhr. Sechs Menschen treffen sich an diesem Sonntagmorgen zum gemeinsamen Frühstück in der "Bar Celona". Sie haben sich vorher noch nie gesehen. Es ist auch niemand dabei, der das Ganze leitet. Eigentlich gibt es auch nichts, was diese Leute gemeinsam haben, außer, dass sie an diesem Morgen zusammen frühstücken wollen.

Möchte man zumindest auf den ersten Blick meinen. Aber schon bald tauen die Ersten auf. Und stellen fest, dass sie so einiges gemeinsam haben. Und auch, dass es für viele in der Runde nichts Neues ist, sich mit wildfremden Menschen zu treffen.

Statt "wildfremde" könnte man auch "faszinierende" Menschen sagen. Denn mit diesem Begriff wirbt die Internetseite des "Frühstückstreff". Solch ein morgendliches Treffen gibt es nicht nur in Krefeld, sondern auch in vielen anderen Städten Deutschlands.

"Was an mir faszinierend ist?", wiederholt Nicole Marx zögernd, überlegt, und meint dann: "Vielleicht, dass ich eine völlig untypische Beamtin bin." Das ist sie wirklich, oder sie entspricht zumindest nicht dem Klischee einer Rentenversicherungsangestellten. "Ich habe einmal einen Mann im Internet kennen gelernt, in einem Chatroom", erzählt die attraktive 39-jährige.

Bis tief in die Nacht flirteten sie, dann wollte er sie besuchen kommen, um drei Uhr nachts, aus dem Saarland. Nicole lehnte ab. Dem Elektroingenieur Ralf Fleuren ist eine solche Spontaneität nicht unbekannt: "Bis drei Uhr morgens habe ich einmal mit einer Frau gechattet, dann telefoniert. Wir stellten fest, dass wir in der gleichen Stadt wohnen und trafen uns noch am selben Morgen beim Bäcker zum Frühstück." Befreundet sind die beiden bis heute.

Aber nicht nur über Freud und Leid des Single-Daseins wird an diesem Morgen philosophiert. Auch zum Thema Arbeits- und Hoffnungslosigkeit haben alle etwas zu erzählen.

"Für mich ging es damals um Leben und Tod", sagt Marie-Bernard Nickl. Tiefe Depressionen habe sie bekommen, das Leben nicht mehr bewältigen können. Als ihr dann auch noch der Job in einem Restaurant gekündigt wurde, fiel sie in ein tiefes Loch. "Heute geht es mir besser. Ich habe gelernt, die Krankheit zu akzeptieren. Trotzdem muss ich mich immer wieder daran erinnern, den Druck, immer funktionieren zu müssen, nicht mehr entstehen zu lassen." Auch ihr Mann Bruno kennt diesen Druck: "Mich hat die Situation überfordert. Am Ende wurde ich selbst depressiv."

"Warum kommt mir das nur alles so bekannt vor?", fragt Gabriele Pupkes. Seit drei Jahren sucht sie eine Stelle. "Inzwischen habe ich die Hoffnung aufgegeben", gibt die 56-jährige unumwunden zu. Trotzdem wirkt sie lebensfroh und ist auch innerlich jung geblieben. Selbstbewusst erzählt sie von ihrer Leidenschaft für Saunagänge: "Es ist mir egal, ob den anderen mein Aussehen gefällt." Man glaubt es ihr, auch wenn sie keine Modelmaße hat.

Gabriele und Nicole waren beide schon öfter bei Frühstückstreffen in anderen Städten. "Da habe ich einen niederländischen Chinesen kennen gelernt, der eine französische Frau hat", erinnert sich Nicole amüsiert. "Den kenne ich auch!" ruft Gabriele, und es gibt großes Gelächter.

Mittlerweile ist aus dem Frühstückstreff schon längst ein Mittagstreff geworden. Es ist nach 13 Uhr, und jeder hat etwas preisgegeben aus seinem Leben. "Sehen wir uns nächsten Monat wieder hier?", will Gabriele wissen. Die anderen nicken, tauschen Telefonnummern aus. Dann gehen sie wieder getrennte Wege, um einige faszinierende Bekanntschaften reicher.

02.03.06
Von Ulrike Sinzel
 
 
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